16. Juli 2017

Liebes DRK, was passiert mit meiner gespendeten Kleidung?

Heute möchte ich Euch von einem sehr schönen Telefonat berichten. Ich habe nämlich vor Kurzem mit Herrn Schmitz vom Deutschen Roten Kreuz telefoniert. Und das kam so:
In der Zeitung habe ich von einem Schulprojekt des DRK in Oldenburg erfahren. Hierbei werden Unterrichtsmaterialien für Schulen bereitgestellt, anhand derer SchülerInnen den Weg von Altkleidern nachvollziehen können. Grundsätzlich eine ziemlich gute Sache. Ich hatte trotzdem einige Fragen dazu und natürlich auch gleich ein bisschen Kritik im Hinterkopf (da war doch die Sache mit den Kleiderspenden und Afrika...?)
Also habe ich nachgehakt und bekam die Möglichkeit, ein wirklich spannendes und überaus informatives Telefonat mit Herrn Schmitz vom DRK Landesverband Oldenburg zu führen, in dem ich sowohl meine Fragen stellen als auch konstruktive Kritik anbringen durfte. Im Gegenzug bin ich umfassend über die Arbeit des DRK aufgeklärt worden, und natürlich möchte ich Euch die ganzen Informationen nicht vorenthalten.

Aber erstmal zu den Fakten.

Das DRK sammelt in Deutschland jährlich 90.000 bis 100.000 Tonnen Altkleider. Davon ist nur rund die Hälfte noch tragbare Kleidung, der Rest eignet sich nur noch als Rohstoff. 4.000 bis 5.000 Tonnen Kleidung werden direkt an bedürftige Menschen weitergegeben. Bezogen auf die noch tragbare Kleidung sind das also rund 10 Prozent. Der Rest (das sind 90%!!!) muss leider zum Verkauf angeboten werden, so Herr Schmitz.
Weshalb nur so wenig Kleidung in Deutschland genutzt wird, hat mehrere Gründe. Vor allem wird viel mehr Kleidung abgegeben, als gebraucht wird, die Kleiderkammern des DRK sind voll (Was sagt uns das mal wieder? Weniger kaufen!) Denn - und das ist ja eigentlich eine positive Sache - in Deutschland gibt es gar nicht so viele hilfsbedürftige Menschen. Im Jahr werden hier rund 1,2 Millionen Menschen in den über 700 Kleiderkammern kostenlos mit gut erhaltener Kleidung, Decken und Schuhen versorgt.

Wichtig: Diese Zahlen bilden den Bundesdurchschnitt ab. Von Kreisverband zu Kreisverband gibt es beispielsweise bei den  Verwertungsquoten teils erhebliche Abweichungen. Über die regionalen Zahlen informiert der jeweils zuständige Kreisverband. Da das Deutsche Rote Kreuz eine föderative Vereinsstruktur hat, wird auch die Kleidersammlung von Verband zu Verband unterschiedlich organisiert. Will man also genau wissen, was mit der gespendeten Kleidung passiert, muss man sich entweder im Internet oder vor Ort informieren.

An wen werden die nicht benötigten Spenden weiterverkauft?

Im Internet bin ich auf viel Kritik Altkleidercontainern gegenüber gestoßen (wobei sich diese Kritik nicht explizit gegen das DRK gewendet hat). Häufig wird kritisiert, dass die gespendete Kleidung weiterverkauft wird. Auch wenn es nicht jeder Spenderin klar ist - die meisten Verbände weisen auf ihren Homepages (und mittlerweile auch auf den Containern selbst) darauf hin, dass die gespendete Kleidung u.U. weiterverkauft wird! Das DRK arbeitet bundesweit mit über 20 Verwertungsunternehmen zusammen. Die größeren davon sind EFIBA mit Sitz in Bassum, TEXAID mit Sitz in Darmstadt, FWS in Bremen und Hotex Textilrecycling in Liebenscheid. Herr Schmitz sieht diesen Umstand durchaus nicht unkritisch, denn damit wird auch die Verantwortung aus der Hand gegeben ("Risiko"). Die meisten Verwertungsunternehmen exportieren nach Afrika, nach West- und Osteuropa, in den Nahen Osten und nach Asien. Was genau mit der Kleidung passiert - darauf hat das DRK keinen Einblick mehr.

Warum gehen die Kleider nicht als Spende nach Afrika? 

Hilfslieferungen in ärmere Länder, die auf dem Landweg möglich sind, gibt es punktuell. Für afrikanische Länder funktioniert dieses Modell aber nicht, weil die Logistikkosten unangemessen hoch sind. Um es anschaulich zu machen: Theoretisch müsste jeder Kleiderspender bereit sein, zu seinem gefüllten Altkleiderbeutel noch eine Geldspende für Sortierung und Transport zu leisten. Denn das DRK ist eine spendenfinanzierte Organisation. Aber auch im Sinne der Entwicklungshilfe ist es nicht sinnvoll, Armut im großen Stil durch Sachspenden bekämpfen zu wollen. (Wie das DRK in Afrika konkret hilft, könnt Ihr hier nachlesen.)
Faktisch wird die Kleidung dennoch nach Afrika exportiert (durch die Unternehmen, an die das DRK die Spenden verkauft). Das DRK hat sich im Rahmen der Transparenz-Initiative (s.u.) selbst die Frage gestellt, ob solche Exporte vertretbar sind - und hat zahlreiche Gutachten und Studien dazu gesichtet. Die Vorwürfe, Altkleiderexporte hätten die Textilindustrie in afrikanischen Ländern ruiniert, gelten als überholt. Das DRK rechtfertigt das wie folgt: Altkleiderexporte sind nicht ursächlich dafür verantwortlich, dass es in Afrika kaum eigene Textilproduktion gibt. Vielmehr gibt es ein ganzes Bündel an Ursachen: problematische Produktionsbedingungen, häufiger Stromausfall, unregelmäßige Wasserversorgung, keine Ersatzteile - aber auch die Streichung von Subventionen an die Textilbetriebe ab Anfang der 80er Jahre, denn seit den 1970er Jahren hat sich weltweit die Textilindustrie nach Asien verlagert. Dabei sind nicht nur in Europa viele Produktionsstätten und Arbeitsplätze verloren gegangen, sondern auch in Afrika. Die große Nachfrage in Afrika wurde durch Importe von Neukleidung aus Asien, aber besonders auch durch Secondhand-Kleidung ersetzt. Schmitz: "Die einheimische Industrie ist leider gar nicht in der Lage, so viel zu produzieren."
Die Secondhand-Kleidung wird in afrikanischen Ländern aufgrund der guten Qualität und der günstigen Preise sehr geschätzt. Gleichzeitig sind in Afrika durch die Weiterverarbeitung von gebrauchten Kleidern auch neue Arbeitsplätze entstanden, da eine große Anzahl von Menschen vom Handel oder dem Umarbeiten dieser Kleidung lebt.

Natürlich sollte man beim Thema Altkleiderexporte auch immer den Umweltaspekt berücksichtigen. Es ist besser, den Kleidern ein zweites Leben zu geben, als sie auf den Müll zu werfen und zu ... oder unter Verbrauch wichtiger Rohstoffe ständig neue Kleider zu produzieren. Allerdings bleibe ich hier nach wie vor kritisch, denn der Transport nach Afrika verbraucht ebenfalls enorme Ressourcen! Egal ob das DRK selbst oder die Verwertungsunternehmen die Kleidung nach Afrika schifft - das ist ein ökologisches Problem!
Herr Schmitz und ich waren uns deshalb darin einig, dass die Deutschen nötig damit anfangen müssen weniger zu kaufen um folglich nicht mehr so viel wegschmeißen (und sei es als gut gemeinte Spende) zu müssen. "Die Kaufkraft ist da, die Leute kaufen zu viel (billiges) Zeug."

Warum werden die Klamotten nicht bei Katastrophen etc. im Ausland verschenkt? 

Hier machte Herr Schmitz zunächst auf die z.T. erheblich abweichenden klimatischen Verhältnisse sowie Kleidergrößen der Menschen im Ausland aufmerksam. Zudem muss es in solchen Situationen sehr schnell gehen und die Luftfrachtkosten würden in unangemessenem Verhältnis zum Wert der Hilfsgüter stehen. Deshalb sei es logistisch und wirtschaftlich oft nicht sinnvoll, Altkleider in sehr weit entfernt gelegene Katastrophengebiete zu fliegen. Das Rote Kreuz geht daher einen anderen Weg - und kauft Kleider für Hilfebedürftige, wenn möglich, in einer dem Katastrophengebiet naheliegenden Region, wodurch im besten Fall die regionale Wirtschaft unterstützt wird.

Was tut das Rote Kreuz mit dem Geld, das die Verwertungsfirmen für die Altkleider bezahlen?

Die Gelder müssen in satzungsgemäße soziale Aufgaben fließen, z.B. in Suppenküchen, Schuldnerberatungsstellen und den Besuchsdienst für alte oder kranke Menschen. In den Wintermonaten bieten sog. "Kältebusse" neben medizinischer Hilfe und heißen Getränken auch warme Kleidung, Decken und Schlafsäcke an. Und natürlich fließt auch Geld in Entwicklungs- und Katastrophenhilfe weltweit.
Eine Kleiderspende an das DRK entspricht demnach oft keiner Spende von Kleidern an Bedürftige, sondern wird über Umwege zur Geldspende an die gemeinnützige Organisation, die in verschiedene Projekte fließen kann. Der gute Zweck der Spende bleibt also nach wie vor gegeben.
Noch etwas sollte man nicht vergessen: Die Abgabe alter Kleidung ist unentgeltlich, obwohl für das DRK Kosten, z.B. für Transport und Sortierung, entstehen. Diese können durch den Weiterverkauf gedeckt werden.

Kann ich meine ausrangierte Kleidung nun wieder sorgenfrei in Altkleidercontainer werfen?

Jein. Viele Kommunen sammeln Altkleider, die dann in Müllverbrennungsanlagen landen. Und in den letzten Jahren wurden in Deutschland immer mehr Container illegal aufgestellt. Diese Entwicklung betrachtet das DRK mit Sorge, denn das, genauer: die kritischen Berichte darüber, wirkt sich negativ auf die Sammlungsmengen aus. Der Appell an Kleiderspender lautet daher: Nur an bekannte und seriöse Organisationen spenden, die sich mit Namen und Adresse zu erkennen geben (und dort auch erreichbar sind).
Illegal aufgestellte Altkleidercontainer ohne Kontaktinformationen.
Beim DRK z.B. weiß man immerhin ansatzweise, was mit der Kleidung passiert (auf den genauen Weg bei den Verwertern gibt es leider keinen zuverlässigen Einblick), und im Gegensatz zu vielen anderen Sammlern werden die gewonnen Einnahmen für einen guten Zweck genutzt (s.o.). Das sollte, denke ich, nicht in Vergessenheit geraten. Das DRK steckt keine Verkauferlöse in die eigene Tasche! Weder bei der Blut- noch bei der Kleiderspende.

Das DRK hat bereits 2012 eine Transparenzkampagne gestartet, nachdem die Kritik über den Umgang mit Kleiderspenden immer lauter geworden ist. "Wir haben in der Vergangenheit viel zu wenig transparent gemacht", so Herr Schmitz - das hat sich inzwischen geändert. Über den Weg der Kleiderspenden wird auf den Seiten des DRK hier und hier sehr gut informiert, hier gibt es noch einen unabhängigen Artikel.
Um der hergestellten Transparenz noch mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, könnten in Zukunft noch genaue Angaben zur Verwendung der Einnahmen durch den Verkauf und auch den genauen Weg der Kleidung nach dem Verkauf veröffentlicht werden.

Und so ist die Aufklärungskampagne in Schulen nur ein weiterer Schritt in Richtung "gläserne Kleiderspende".

Worum geht es in dem Schulprojekt?

Es geht in erster Linie um zwei Punkte:
1. Den Altkleiderkreislauf in jungen Jahren erklären (und dabei auch auf Problematik beim Kleiderkonsum hinweisen)
2. Nachwuchsförderung (Junge Leute für's Rote Kreuz begeistern und außerdem das Ehrenamt attraktiv machen)

Das Projekt kommt nach Aussage von Herrn Schmitz bei den SchülerInnen sehr gut an. U.a. dürfen sie selbst eine Modeschau organisieren! Wie genau eine Unterrichtseinheit abläuft, kann ich Euch möglicherweise in (hoffentlich) nicht allzu ferner Zukunft erzählen, denn Herr Schmitz hat mich eingeladen am Projekt teilzunehmen bzw. zuzuschauen. Sobald ich also mal länger als nur ein paar Tage in der Heimat bin, komme ich mit in eine Schule im Oldenburger Land!

Abschließend lässt sich sagen, dass sich das DRK ganz klar für eine ökologische Zukunft einsetzt. Ob man den Handel mit der alten Kleidung unterstützen möchte oder nicht, ist eine ethische Frage. Wirklich nachhaltig und ökologisch ist allerdings, lieber wenige und dafür qualitativ hochwertige Kleidung zu kaufen, von der man länger etwas hat! Herr Schmitz hat mir versichert, dass wir dadurch nicht Gefahr laufen, am Ende zu wenig Kleiderspenden zu haben. ;-)

An dieser Stelle möchte ich ihm noch einmal für das lange und überaus spannende Gespräch danken. :)

Kommentare:

  1. Ein sehr interessanter und informativer Beitrag! Ich hab mich da in den letzten Jahren auch immer gefragt, wo genau welche Kleidungsstücke landen. Prinzipiell ist es doch dann aber auch richtig, nicht mehr tragbare Kleidung bzw. mit Lächern o. ä. in die Altkleidersammlung zu geben, schließlich kann man diese doch auch noch recyclen, oder? Deswegen hat es mich immer verwirrt, wenn auf den Containern steht, dass dort nur tragbare Kleidung reinsoll...
    Und hast du eine Idee, ob das bei den Containern von den Maltesern ähnlich ist wie beim DRK?

    Liebe Grüße =)

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    1. Liebe Charlotte, das hier habe ich zu den Maltesern gefunden: https://www.malteser.de/altkleider.html. Fast das Gleiche, nur dass hier direkt weiterverkauft wird und keine Kleidung für Bedürftige vor Ort heraussortiert wird. Die Verkaufserlöse wandern dann aber wie beim DRK in caritative Projekte.
      Was nicht mehr tragbare Kleidung angeht: Die Kosten für das Sortieren dieser minderwertigen Textilien ist oft höher als die Erlöse aus dem Weiterverkauf. Insofern "schadet" man damit dem DRK in meinen Augen eher, als dass man hilft.
      Mein erster Gedanke zu Alternativen: Kaputte Kleidung lieber in die Container von der Stadtreinigung o.ä. Die Kommunen haben ein relativ ausgeklügeltes System und können Textilreste entweder weiterverkaufen (an Firmen, die Putzlappen und Dämmaterial draus machen) oder mit dem Restmüll verbrennen.
      Ich habe die Frage aber weitergegeben und werde berichten, falls es anders sein sollte. :)

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    2. Danke für die schnelle Antwort! Ich habe es bisher auch immer so gemacht, dass ich die nicht mehr tragbare Kleidung in die Container von der Stadt getan habe (hab ich oben gar nicht erwähnt, sehe ich gerade)... da weiß man auch nicht immer, wo es landet, aber irgendwas wird noch draus. Dann habe ich es ja richtig gemacht ;)

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  2. Ein toller Bericht, den ich wirklich mit großem Interesse gelesen habe. Vielen Dank dafür!

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  3. Liebe Anna,

    vielen Dank für die guten Infos über meine Altkleider!
    Zum Thema Secondhand-Kleidung wird in afrikanischen Ländern sehr geschätzt kann ich nur sagen: Die Erfahrung habe ich in Sambia auch gemacht! Da nennt man Secondhand clothes "Salaula", was man kurz mit "to pick" übersetzen kann. Habe gerade sogar ein Buch über Salaula in Zambia gefunden: The World of Secondhand Clothing and Zambia von Karen Transberg Hansen. Und es gibt einen Song von dem sambischen Chartssänger Roberto - Salaula. Das ist, was man seiner Freundin schenkt! :)
    Und Secondhand-Kleidung ist auch ein gutes Business auf dem lokalen Markt!

    Lieben Gruß
    Lena

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  4. Hey Lena, danke für diesen Bericht! Es ist schön, mal die andere Seite zu hören, statt nur darüber zu philosophieren. ;-)

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